Hinschauen - Grenzen respektieren - schützen

Wir sind tief betroffen und erschüttert über die Ergebnisse der Forum-Studie über sexuellen Miissbrauch in der evangelischen Kirche in Deutschland. 

Wir sind schockiert von der hohen Zahl der Betroffenen, die in dieser Studie gefunden wurde. Und auch davon, wie die Betroffenen offenbar bisher von der Kirche alleingelassen wurden. Die Kritik der Forscher am Aufklärungswillen und der Kooperationsbereitschaft der evangelischen Kirche besorgt uns. 

Diese Studie kann nicht das Ende, sondern muss den Anfang des Aufarbeitungsprozesses markieren. Dabei sehen wir uns mit in der Verantwortung - als einzelne Gemeinde und als Teil der evangelischen Kirche. 

Wie wir als Matthäusgemeinde dieser Verantwortung gerecht werden können, darüber machen wir uns bereits intensiv Gedanken. Als erste Maßnahme haben wir alle Interessenten eingeladen, mit uns ein Video der Pressekonferenz anzuschauen, in der die Forscher der ForuM-Studie die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt haben.

Zusammen mit unseren Kooperationsgemeinden Erlöser und St. Stephan laden wir zudem am 16. Oktober zu einem Informations- und Gesprächsabend zur ForuM-Studie unter dem Titel "Dranbleiben!" ein. 

In den letzten Monaten haben wir ein Schutzkonzept „Aktiv gegen Missbrauch“ erarbeitet. Das ist sicher nicht genug. Aber die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist. 


Hinschauen - Grenzen respektieren - vor Übergriffen schützen

... darum geht es beim "Schutzkonzept zum Umgang mit sexualisierter Gewalt". Auf der Grundlage des von der Evang. luth. Kirche in Bayern im Dezember 2020 verabschiedeten "Kirchengesetzes zur Prävention, Intervention, Hilfe und Aufarbeitung im Hinblick auf sexualisierte Gewalt" wurde vom Kirchenvorstand St. Matthäus folgendes Leitbild und ein daraus abgeleiteter Verhaltenskodex für die gemeindliche Arbeit beschlossen:

Die evangelisch-lutherische Gemeinde St. Matthäus lebt durch Beziehungen von Menschen miteinander und mit Gott. Unsere Arbeit mit allen Menschen ist getragen von Respekt, Wertschätzung und Vertrauen. 

Wir sind uns bewusst, dass Vertrauen auch zu Abhängigkeiten und missbräuchlicher Machtausübung führen kann. Besonders anfällig sind die Beziehungen zu Minderjährigen oder Personen in Abhängigkeitsverhältnissen sowie Seelsorge- oder Beratungssituationen.

Wir in St. Matthäus sehen uns nicht nur dazu verpflichtet, Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Rahmen unseres Gemeindelebens wirkungsvoll vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Vielmehr möchten wir durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang alle Menschen darin stärken, achtsam mit Grenzen umzugehen und selbstbewusst handeln zu lernen, um auch in schwierigen Situationen – außerhalb oder innerhalb des Gemeindelebens – angemessen reagieren zu können. 

Diese Haltung findet Ausdruck in folgendem Verhalten:

Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende in St. Matthäus...

... schaffen und/ oder erhalten ein sicheres, förderliches und ermutigendes Umfeld für die ihnen anvertrauten Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche und schutzbedürftige Erwachsene.

... schützen andere vor körperlichem und seelischem Schaden, Missbrauch jeder Art und Gewalt. Sie gestaltenihre Tätigkeit in der Gemeinde dementsprechend.

... sind sich bewusst, dass es individuelle Grenzempfindungen bei Menschen gibt und beachten die persönliche Intimsphäre wie die persönlichen Grenzen der Scham.

... gestalten Beziehungen zu anderen Menschen transparent und mit positiver Zuwendung. Dabei gehen sie verantwortungsbewusst mit Nähe und Distanz um und missbrauchen ihre Rolle nicht.

... nutzen ihre Rolle nicht für sexuelle Kontakte zu ihnen anvertrauten Menschen.

... beziehen gegen sexistisches, diskriminierendes, rassistisches und gewalttätiges verbales und nonverbales Verhalten aktiv Stellung oder holen sich entsprechende Unterstützung.

... sind in ihrer Kommunikation respektvoll und wertschätzend, sowohl im direkten Gespräch als auch in der Kommunikation im digitalen Raum.

... vermeiden jedes unangemessene Verhalten anderen gegenüber und reagieren konstruktiv, wenn anderen an ihrem Verhalten etwas Unangemessenes auffällt.

... achten auf offene und unterschwellige Formen von Grenzverletzungen, die sie selbst oder andere (auch unbewusst) begehen. Sie sprechen Grenzverletzungen an und vertuschen sie nicht. Bei Unsicherheiten wenden sie sich an die Ansprechpersonen der Region* oder an Fachberatungsstellen und lassen sich beraten. 

... gehen bei jeder Vermutung von sexuellen Übergriffen oder strafrechtlich relevanter sexualisierter Gewaltentsprechend des Interventionsplans der Kirchengemeinde*vor. 

... informieren eine der Ansprechpersonen, falls gegen sie wegen sexualisierter Gewalt strafrechtlich ermittelt wird oder sie rechtskräftig verurteilt wurden.

 

Für den Kirchenvorstand: Anja Abeska-Mai (Vorsitzende) Peter Mattenklodt und Ulrike Bergmann (Vertrauensmann/frau) und Jutta Müller-Schnurr (Pfarrerin)

Für die Arbeitsgruppe "Schutzkonzept sexualisierte Gewalt": Falk Gierschner, Carolin Stange, Rolf Wagner, Malcolm Holland, Susanne Schreier, Thomas Chiari

 

* Der Interventionsplan wird aktuell konkretisiert und demnächst im Gemeindebrief veröffentlicht. Es ist geplant, dass es Ansprechpersonen aus den Bamberger Nachbargemeinden St. Stephan, Matthäus und Erlöser geben wird, bei denen man sich als Betroffene*r oder Zeuge bzw. Zeugin melden kann. Für St. Matthäus sind dies: Pfarrerin Jutta Müller-Schnurr (0151/20646067) und Falk Gierschner (0176/49708033).

Dieser Verhaltenskodex soll nicht nur "Worte auf Papier" sein, sondern soll das Bewusstsein und Miteinander in unserer Gemeinde prägen. Dazu wollen wir als Kirchenvorstand mit den Ehrenamtlichen und Gemeindegliedern auf vielfältige Weise ins Gespräch kommen. Wir freuen uns über Rückmeldungen, Fragen und Anmerkungen.